Obwohl Ihre formale Ausbildung mit Bildhauerei und Malerei verbunden ist, beschäftigen Sie sich auch mit Performance und Videokunst. Meistens sind verschiedene Formen des künstleris chen Ausdrucks in Ihrer Praxis miteinander verflochten. Schon im Vorlauf zur Ausstellung Pokorná haben Sie sich bei der Vorbereitung des Materials für die Skulpturen gefilmt, weil Sie die Nachbildung von Marmor durch Gips an das Ausrollen von Teig erinnert hatte. Ein zweites Beispiel für fließende Grenzen zwischen den Ausdrucksformen ist das großformatige Gemälde Hekate/Venuše, das Sie in der Weihnachtszeit 2020 gemalt haben. Zu Beginn des Jahres haben Sie dann auf Ihre Arbeit zu diesem Gemälde aufgebaut und gemeinsam mit der Künstlerin Ilkin Beste Cirac eine Performance und anschließend zu dritt mit Matyáš Zeman ein Video erstellt.
Bei der Erschaffung meiner Arbeiten ist für mich der Entstehungs- und Wandlungsprozess der ursprünglich dahinter stehenden Idee und Absicht besonders wichtig und spannend. Oft ergibt sich daraus eine Performance, ohne dass ich mir ihrer während des Arbeitsprozesses voll bewusst geworden wäre. Aufzeichnungen zu künstlerischen Schaffensprozessen verwende ich dann gerne wieder und versetze sie in andere Kontexte, als sie ursprünglich entstanden waren. Das Video, das in Zusammenarbeit mit Beste und Matyaš entstanden ist, war eher eine Skizze zum Projekt des öffentlichen Happenings Millenium of Pigeons, das wir bislang allerdings noch nicht umsetzen konnten.

In Ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigen Sie sich immer wieder mit der Destabilisierung fixer Ausstellungsräume. In Brati slava waren Sie eine der Kurator*innen der Plattform AQUARIUM. Wie hat sich Ihre Haltung gegenüber Räumlichkeit in Ihrer kuratorischen Arbeit niedergeschlagen?
AQUARIUM ist eine Plattform, die als Reaktion auf gängige Ausstellungsformate und -räume entstanden ist. Hinter einem Begehren sich als junge Künstler*in ins Milieu einzugliedern, stehen oft Frustrationen und das Bedürfnis, dem fehlenden sozialen Status, Background oder Know-How etwas entgegenzusetzen. Denn all diese Dinge benötigt man, um am klassischen Kunstgeschehen teilnehmen zu können. An der Hochschule in Bratislava haben wir ein Aquarium gefunden, das wir uns zu eigen gemacht und einfach zur Galerie erklärten haben. Wir haben uns dazu entschieden, mit seiner Hilfe den öffentlichen Raum zu besetzen. In der Folge haben wir dann den ursprünglichen Raum des Aquariums verlassen und es wurde zum Symbol unserer Aktionen. Mit unserer Plattform haben wir versucht Künstler*innen immer den bestmöglichen Raum aufzutreiben und ihnen zu helfen, alles zu besorgen und zu organisieren, aber auch ein Dauerpublikum zu gewinnen, das die Veranstaltungen besuchen würde.
Sie haben in der Tschechischen Republik und der Slowakei Kunst studiert, derzeit auch in Österreich. Wie würden Sie den Unterrichtsansatz und die Bildungssysteme in diesen verschiedenen Ländern vergleichen? Gibt es für Sie klare Vor- und Nachteile? An einer Hochschule habe ich nur in der Slowakei und in Österreich studiert, in der Tschechischen Republik war ich dagegen an einer Mittelschule für Kunstgewerbe. Daher weiß ich nicht, ob das so ganz mit einer Universitätsausbildung vergleichbar ist. Bratislava und Wien kann ich allerdings vergleichen.
An der VŠVU (Anm.: Vysoká škola výtvarných umení v Bratislave – Hochschule für bildende Kunst in Bratislava) waren die Professor*innen sehr daran interessiert, Teil der künstlerischen Prozesse der Studierenden zu sein. Auch waren sie offen, ihre eigenen mit uns zu teilen und haben also viel Zeit mit uns im Atelier verbracht. So sind starke Bindungen zwischen den Lehrenden und Studierenden entstanden, aber auch unter den einzelnen Studierenden. Im Nachhinein weiß ich das wirklich zu schätzen, vor allem nachdem ich erkannt habe, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Ich zehre immer noch viel von dieser Erfahrung. Im krassen Gegensatz dazu stand aber das veraltete Hochschulsystem, dessentwegen ich entschieden habe, Bratislava zu verlassen und an der Akademie der bildenden Künste in Wien weiter zu studieren. Hier habe ich viel mehr Freiheit und Kontrolle darüber, was ich studiere, sowie eine große Bandbreite an Orientierungsmöglichkeiten und trotzdem kommt kein Druck auf die Produktivität im eigenen Schaffen auf.

Millennium of the Pigeon
Sie haben nicht nur den Studienort, sondern auch zwischen den unterschiedlichen Ateliers gewechselt. Erst haben Sie mit Malerei begonnen, dann mit Bildhauerei weitergemacht, bis Sie in Bratislava wieder zur Malerei zurückgekehrt sind. Heute studieren Sie wieder Bildhauerei. Welche spezifischen Möglichkeiten bieten Ihnen diese beiden klassischen künstlerischen Disziplinen als zeitgenössische Künstlerin?
In der Malerei erlebe ich einen viel intensiveren Prozess als bei anderen Disziplinen, einen Prozess voller Euphorie des Sich-Verlierens, des Wiederentdeckens, des Verbindens. Dann ist da aber auch der Kontrollverlust über das Bild und abschließend die Vollendung und Trennung. Nach einer Weile werde ich immer müde davon und bekomme das Gefühl, dass ich nie wieder malen möchte. Vor allem, weil ich oft nicht weiß, was ich mit den Bildern machen soll, sobald sie fertig sind. Und doch komme ich immer auf geheimnisvolle Art und Weise zur Malerei zurück. Zur klassischen Bildhauerei habe ich keine solche Beziehung. Viel wichtiger ist dort für mich der Prozess, wie die Objekte entstehen. Deshalb nehme ich oft Videos auf, während ich arbeite, mache Fotos oder Performances, die den Prozess aufzeichnen.
Die Themen, die für Sie zentral waren als Sie in Bratislava gelebt haben, waren die Definition von Grenzen und die Ambivalenz zwischen öffentlichem und privatem Raum. In Bratislava hatte ich das Bedürfnis, auf die Stadt und den Raum, in dem ich gelebt habe zu reagieren. Mithilfe einer gezeichneten Linie habe ich in diesem Raum eine Grenze geschaffen, ihn dadurch definiert und mich bemüht, so den Blick auf ihn zu verändern. Am Schluss habe ich mich mit dieser gezeichneten Linie verbunden und wurde so Teil des Prozesses.
Damals wohnte ich in gewerblich genutzten Büroräumen, um die herum eine Baustelle nach der anderen und neue Bürogebäude nach den Plänen des Bauträgers emporgewachsen sind. Wir waren in ständiger Anspannung und Erwartung, wann wir an der Reihe wären und der Raum, in dem wir gelebt haben, ebenfalls abgerissen und neu aufgebaut werden würde. Im Nachhinein wurde mir klar, dass dieses aufgekommene Bedürfnis eine Reaktion darauf war, wie der Raum konzipiert wurde und für wen er bestimmt war.

Wir haben viel über Ihre älteren Arbeiten gesprochen, deshalb möchte ich mit einer Frage schließen, die sich auf Ihre zukünftigen Aktivitäten bezieht. Auf welche Themen konzentrieren Sie sich derzeit?
Im Grunde genommen habe ich im letzten Monat nur an der Ausstellung Pokorná gearbeitet. Davor habe ich mich jedoch relativ lange mit ungewollter Natur in der Stadt beschäftigt, insbesondere mit Tauben, und wie wir sie wahrnehmen. Wo sie noch sein dürfen und wo schon nicht mehr.

Dieses Interview entstand 2021 für das Vienna meets Prague Booklet.




