Die Malerei sollte nie aufhören, sich mit sozialen Themen zu befassen”, sagt die Künstlerin Martina Smutná. Und es ist genau diese, mit einem kritischen Denkansatz eng verbundene Zugangsweise, die für ihren künstlerischen Schaffensprozess prägend ist. Verbindendes Element in all ihren weit über die Kunst hinausreichenden Aktivitäten ist stets die Fragestellung, wie feministisches Denken nicht nur das Kunstschaffen, sondern auch die Art und Weise des Funktionierens unserer Gesellschaft beeinflussen kann.

Mit ihren Arbeiten konterkariert Martina Smutná etablierte hierarchischen Machtstrukturen und stereotype Verhaltensmuster. Zusammenfassend kann man feststellen, dass ihre Darstellungen oft spezifische historisch-kulturelle Referenzen enthalten, mit welchen sie Parallelen zu gegenwärtigen Erfahrungen zieht und durch deren Kontextualisierung die Betrachterinnen zum Nachdenken anregt. So auch in der Ausstellung Pokorná (Demütig), in der klassisch-historische Darstellungen von Frauen bei der Arbeit appropriiert und mit heute alltäglichen und vertrauten
Objekten verbunden werden. Durch diese Geste vereint sie zwei sich fremde Lebensrealitäten. Eine ähnliche Herangehensweise findet sich auch bei der Bildserie Volno pod kontrolou: Nová zahálka (*Freizeit unter Kontrolle: Der neue Müßiggang). Hier bediente sich Smutná abermals der Appropriation, diesmal von höfischen Zeremoniellen und verbindet diese mithilfe einer Juxtaposition mit einem der beliebtesten Freizeitritualen der Gegenwart, der Yogapraxis. Mit ihrer fast schon satirischen Gegenüberstellung zeigt sie, wie unser Sozialstatus die Art und Weise unserer Freizeitgestaltung determiniert.
Eine ähnliche Herangehensweise findet sich auch bei der Bildserie Volno pod kontrolou: Nová zahálka (*Freizeit unter Kontrolle: Der neue Müßiggang). Hier bediente sich Smutná abermals der Appropriation, diesmal von höfischen Zeremoniellen und verbindet diese mithilfe einer Juxtaposition mit einem der beliebtesten Freizeitritualen der Gegenwart, der Yogapraxis. Mit ihrer fast schon satirischen Gegenüberstellung zeigt sie, wie unser Sozialstatus die Art und Weise unserer Freizeitgestaltung determiniert.

Sie beschäftigt sich mit fest verankerten geschlechterspezifischen Verhaltensnormen in zwischenmenschlichen Beziehungen und deren Widerspiegelung im Alltag. So etwa die familiären Bindungen zwischen Mutter und Tochter in ihrer Serie Nejen nukleární rodina (Nicht nur eine Nuklearfamilie) oder die Darstellung und Vermarktung von Hochzeit und Ehe in der Serie Můj krásný bílý den (Mein schöner weißer Tag). In diesen beiden Zyklen ist zudem eine klare autobiografische Linie erkennbar, auch wenn dieser persönliche Bezug in Můj krásný bílý den komplett verschlei-
ert wird. Denn hier tritt Martina Smutná unter dem männlichen Pseudonym Martin Drozd auf, um zu untersuchen inwieweit das Geschlecht einer Künstlerin die Wahrnehmung eines Werkes beeinflusst und ob der Moment des Durchschauens dieser Fiktion die Betrachterinnen zur Reflexion über ihre habituellen Rezeptionsmuster anregt.



Während ihres Studiums besuchte Martina Smutná verschiedene Ateliers an Kunsthochschulen in der Tschechischen Republik sowie in Israel, Deutschland und Österreich. Zurzeit widmet sie sich vor allem der Malerei, hat sich aber in der Vergangenheit auch intensiv mit Bildhauerei, Keramik und konzeptioneller Kunst auseinandergesetzt. Ihre vielschichtigen Erfahrungen im In- und Ausland regten sie auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Struktur und dem Inhalt von künstlerischen Ausbildungswegen in der Tschechischen Republik an.
Analysiert und verglichen hat sie besonders die Konzipierung verschiedener künstlerischer Hochschulsysteme. An der Bezal’el-Akademie für Kunst und Design in Israel können Studierende etwa frei zwischen Werkstätten und Professor*innen wählen und es existiert keine fixe strukturelle Aufteilung zu den einzelnen Ateliers. Nach ihrem Auslandsaufenthalt in Jerusalem stellte Martina Smutná sich insbesondere auch die Frage, ob die Position einer Atelierleiterin überhaupt notwendig sei.
In Zusammenhang mit hierarchischen Strukturen ist nach wie vor besonders problematisch, dass leitende Positionen selten weiblich besetzt werden. So gab es etwa in der Geschichte der Akademie der Bildenden Künste in Prag bislang keine einzige Frau als Leiterin eines Malereiateliers. Patriarchale Strukturen können in der Folge im Umgang mit Themen wie Sexismus und sexueller Belästigung an Hochschulen zu besonders krassen Missverhältnissen führen. Dieses Problem blieb auch nicht ohne Smutnás Aufmerksamkeit und wurde zum Hauptaugenmerk eines Videos der
unabhängigen Organisation Vierte Welle mit ihrer Mitwirkung. Dort teilten Kunststudentinnen mittels kurzen Zitaten ihre Erfahrungen mit Sexismus an Universitäten Das Video ging 2016 viral und löste in der tschechischen
Gesellschaft eine weitreichende Diskussion aus.
Ob und wie das Kunstschaffen und seine Rezeption durch Genderstereotypen und die damit verbundenen kulturellen Normen und Vorstellungen geprägt ist, erforscht Martina Smutná in ihrer wissenschaftlichen Arbeit Malerinnen im tschechischen Umfeld und die (Nicht-)Existenz der weiblichen Malerei. Mit quantitativen Forschungsmethoden wertete sie Beurteilungen von insgesamt 120 Diplomarbeiten aus, die zwischen den Jahren 1994 und 2005 eingereicht wurden. Sie untersuchte Form, Inhalt und Sprache, der Beurteilungen und kam zu dem Ergebnis, dass sich in
den Bewertungen häufig vom Geschlecht der zu beurteilenden Person abhängige Muster wiederfanden. Martina Smutná stellt sich gegen unreflektierte stereotype Sichtweisen. In der Ausstellung Společně pokosíme, vymlátíme a odevzdáme (*Gemeinsam mähen, dreschen und abliefern) auch gegen solche auf die Vergangenheit. Dort dokumentierte sie Erinnerungen einer unbekannten Frau aus einem kleinen mährischen Dorf und ihre Wahrnehmung zur Zeit der sozialistischen Tschechoslowakei. Mit dem Projekt schaffte Smutná Raum für die Archivierung und Präsentation eines oft vernachlässigten Blicks auf das damalige Leben, und durchbrach so die normative Auffassung von Geschichten.

dreschen und abliefern Harke Foto: Jakub Delibalta
Martina Smutná hebt in ihren Arbeiten nebensächlich erscheinende Alltäglichkeiten hervor, die oft übersehen werden. Aber gerade diese unbemerkten Nuancen prägen unser Verhalten und unsere Wahrnehmung der Welt.
Dieser Text wurde 2021 für das Vienna meets Prague Booklet geschrieben.




